Englands Lehren aus dem EM-Debakel

By | 18. Mai 2017

 

Wie die Premier League die Englische Nationalmannschaft um den Erfolg bringt

Foto: Илья Хохлов / Wikipedia (CC BY-SA 3.0)

Es war die Sensation der vergangenen Europameisterschaft. Das isländische Märchen. Obwohl die Konstellation eher „David gegen Goliath“ war, schafften die Isländer die große Überraschung und konnten im Achtelfinale tatsächlich das Mutterland des Fußballs rauskegeln. Dabei verlief das Spiel für die Mannen um Wayne Rooney schon eigentlich nach Plan, als die Engländer per Elfmeter die frühe Führung erzielten und sich so eine perfekte Ausgangsposition verschafften. Allerdings hatte man die Rechnung scheinbar ohne den Kampfgeist und die Tugend der Isländer gemacht, denn diese erzielten kurz darauf nach Einwurfflanke vonGunnarssonden Ausgleich. Als Joe Hart dann auch noch beim Schuss von Sigthorssonschlecht aussah, war England plötzlich auf der Verliererstraße. Die „Three Lions“ versuchten sich noch der Blamage entgegenzustellen, doch es mangelte an Spielidee, Kreativität und letztendlich auch Genauigkeit, als dass man die isländische Verteidigung nochmal wirklich in Schwierigkeiten hätte bringen können. So wurde es immer mehr zur Gewissheit und als dann der Schlusspfiff kam, war der Traum der Underdogs aus Island plötzlich Realität und der Einzug ins Viertelfinale tatsächlich geschafft. Nicht nur die eigenen Fans waren begeistert, ganz Europa schien plötzlich mit ihnen zu sympathisieren. Für die englischen Hochverdiener aus der Premier League war es hingegen die größtmögliche Blamage, eine absolute Enttäuschung.

In dieser dunkelsten Stunde gab es – man möge es kaum glauben – allerdings auch einen Lichtblick aus englischer Sicht. Marcus Rashford. Rashford ein junger 18-jähriger Spieler der gegen Ende der Partie eingewechselt wurde. Mit seiner frechen, unbekümmerten Art, belebte er das Spiel der Engländer. Mit ein paar tollen Aktionen brachte er Schwung in das Spiel der englischen Mannschaft, es keimte wieder Hoffnung auf, doch es war schon zu spät. Man musste sich jedoch verwundert die Augen reiben, warum dieser Spieler nicht schon viel früher ins Spiel kam, brachte er doch all das auf den Platz, was das Team von Roy Hodgson bis dahin vermissen ließ.

Nun sollte man nicht den Fehler machen und die Erwartungen und Träume der englischen Fans dem jungen Talent Rashford aufbürden. Nicht nur, dass dieser selbst noch Entwicklungszeit braucht, sondern viel mehr, da es genau dieser Mechanismus ist, der zum englischen Debakel geführt hat. Einerseits die viel zu hohe Erwartungshaltung gegenüber den talentierten Nachwuchsspielern, andererseits der Fokus auf einzelne Stars, als Heilsbringer. Oft wirkte die Engländer wie ein Kollektiv aus Individualisten, nicht wie eine richtige Mannschaft. So steht Marcus Rashford viel mehr als Symbolfigur. Seine Leistung im Viertelfinale war ein Sinnbild für das, was die englische „FA“ (englischer Verband) benötigt, um erfolgreich in die Zukunft blicken zu können. Am Abend des Desasters war Roy Hodgson folglich noch zurückgetreten. Daraufhin ist Gareth Southgate vorrübergehend als Interimstrainer ins Amt gekommen. Obwohl die Gerüchteküche kochte und zwischenzeitlich andere Kandidaten im Gespräch waren, wie u.a. Jürgen Klinsmann, hat man ihm mittlerweile das volle Vertrauen ausgesprochen und ihn offiziell zum Cheftrainer erhoben. Ähnlich wie Rashford, ist Southgate noch recht jung. Ein Trend der allerdings im internationalen Fußball nicht neu ist, auch nicht in der Premier League, doch scheint dieser an der englischen Nationalmannschaft vorbeigegangen zu sein. In Southgate hat man einen modernen Trainer, der jetzt die Chance hat alte Denkmuster aufzubrechen, neue Ideen einzubringen und das eingestaubte, statische Spiel der Engländer in eine zeitgemäße Version zu übertragen. Zu diesem Zwecke kann er den Kader verjüngen und mit unverbrauchten, hungrigen Spielern füllen. Als ehemaliger Coach der englischen U-21 hat er dafür die besten Voraussetzungen, da er viele der Nachwuchstalente kennt und schon mit ihnen zusammengearbeitet hat. So hat auch nicht zuletzt BVB-Trainer Thomas Tuchel konstatiert, dass im englischen Nachwuchs viel Potential steckt.

Roy Hodgson soll England zur EM 2016 führen

Foto: Clement Bucco-Lechat / Wikimedia

Die Schlussfolgerung, dass es jetzt lediglich nur mit dem „Prinzip Hoffnung“ geht ist jedoch ein Schnellschuss. Das Team kann nicht von heute auf morgen komplett umgewälzt und zum Projekt der Talentförderung werden. Southgate muss sich bemühen eine Mischung aus routinierten und jüngeren Spielern zu finden. Einerseits haben einige der älteren Spieler dafür zu viel Qualität, um sie einfach so auszusortieren, andererseits waren auch schon ein paar der jungen Spieler für das Desaster gegen Island mitverantwortlich. Besonders die beiden Burschen aus Tottenham – Dele Alli und Harry Kane – sind zu erwähnen. Hochtalentiert und schon längst zu Schlüsselspielern im Verein avanciert, mussten sie schon bei der Europameisterschaft eine zentrale Rolle übernehmen. Auch wenn das Endergebnis alles andere als gewünscht war, könnten es für diese Generation von Spielern wichtige Erfahrungswerte sein. Obendrein ergänzt Southgate das Team nun sinnvoll mit älteren Spielern, wie zuletzt dem 34-jährigen Jermain Defoe, der nach längerer Abstinenz im Nationalteam vorläufig wieder zurückkehrte. Diese Nominierung ist nur Folgerichtig, da Defoe gute Leistungen in der Liga gebracht. So etabliert der Trainer gleichzeitig ein System das sich nach Leistungsprinzip aufstellt und weniger nach klangvollen Namen.

Genau diese Form der Gleichbehandlung wird ein wichtiger Grundbaustein sein, denn wie erwähnt, muss aus den Spielern eine Mannschaft geformt werden. Es brauchte eine Kultur des „miteinander“, wie es andere Teams bei der EM erfolgreich vorgelebt haben. Genauso muss sich taktische Identität herauskristallisieren, ein System, eine Spielidee und eben diese kann nur umgesetzt werden, wenn alle zusammen am sprichwörtlichen Strang ziehen. Die gute Nachricht für Englands Fans ist, dass es bisher zu klappen scheint. Wie wir Deutschen zuletzt im Freundschaftsspiel sehen konnten, haben die Engländer ein klares taktisches Konzept. So konnten sie (trotz Niederlage) mit gutem Pressing und schnellem Umschaltspiel die deutsche Mannschaft in starke Bedrängnis bringen, nur etwas Glück im Abschluss fehlte lediglich. Auch in der WM-Qualifikation hat man sich bisher dementsprechend präsentiert und steht noch ohne Gegentor auf einem souveränen ersten Platz in der Gruppe F. Und obwohl Experten und Buchmacher die „Three Lions“ noch nicht zum Favoriten für die Weltmeisterschaft ausgerufen haben (Quote von 21.00 laut Betway stand Mai 2017), kann vermutet werden, dass dieses Team in Zukunft noch für die ein oder andere Überraschung sorgen wird. Wer weiß, vielleicht liegt diese Zukunft sogar näher als wir alle vermuten.

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